Eisdecken am westungarischen Balaton im Zeitraum 1885 bis 2026

Überlegungen zu holozäner Klimavariabilität unter Bezugnahme zu historischen und gegenwärtigen Vereisungen am größten Binnensee Mitteleuropas

Michael Hahl, Geograph


1. Einleitung

Die Kleine Eiszeit (LIA), deren Zeitraum in der Fachliteratur meist von etwa 1300 bis 1850 oder 1900 angegeben ist, wird traditionell als Ergebnis einer Kombination externer Forcings interpretiert, insbesondere erhöhter vulkanischer Aktivität und reduzierter solarer Einstrahlung. Diese Erklärung greift jedoch zu kurz, um den beobachteten raschen Übergang von der mittelalterlichen Warmphase in eine mehrere Jahrhunderte andauernde Kälteperiode vollständig zu erklären.

Unter anderem die Arbeiten von Lapointe & Bradley (2021, 2025) eröffnen in den letzten Jahren eine alternative Perspektive: Das Klimasystem wird als nicht-linear verstanden, mit der Fähigkeit zu abrupten Zustandswechseln explizit durch interne Dynamiken, in diesem Fall durch ozeanisch-atmosphärische Wechselwirkungen und Rückkopplungen. 

Damit rückt die Frage nach der grundsätzlichen Klimavariabilität innerhalb der gegenwärtigen, als Holozän bezeichneten Warmzeit in den Vordergrund.

Der vorliegende Beitrag verbindet eine paläoklimatische Perspektive mit einer regionalen Beobachtungsebene: der Vereisungsgeschichte des Balaton in Westungarn. 
 
Ziel ist es, regionale Eisphänologien als Indikatoren klimatischer Variabilität zu diskutieren, ohne ihnen eine kausale Rolle für großräumige Klimaprozesse zuzuschreiben. Andererseits wird die fehlende Linearität der Vereisungsphänologie des Balatons im Zeitraum 1885 bis 2026 herausgearbeitet. Implizit zeigen die hier angeführten Daten, kombiniert mit den Forschungen zum Einsetzen der Kleinen Eiszeit, die nicht zu unterschätzende Bedeutung einer prinzipiell natürlichen und teils abrupten Klimavariabilität. 

Diese natürliche Klimavariabilität überlagernd werden anthropogene Prozesse wie insbesondere die Auswirkungen einer jahrzehntelangen Eutrophierung im Zala-Hügelland und im Balaton einbezogen sowie regionalklimatische Effekte durch fehlende bzw. instabile und partielle Eisdecken angesprochen. 
 
Eine geo- und umweltwissenschaftliche sowie klimageographische Erweiterung gegenwärtiger Klimawandel-Modellvorstellungen um die Kriterien natürlicher Klimavariabiltät sowie auch anthropogener Einwirkungen auf geoökologischer Ebene lässt sich aus den Überlegungen kritisch und konstruktiv ableiten. 
 

2. Vereisungsphänologie des Balaton seit 1885 

Der sehr große, aber ausgesprochen flache Balaton ist mit einer Länge von 79 Kilometern, einer maximalen Breite von 14 Kilometern und einer mittleren Tiefe von rund 3 Metern sowie einem besonders flachen Randbereich an der südlichen Uferlinie mit großflächigen Flachwasserzonen sowie mit seinem klimageographisch bedingten kontinentalen Winterklima besonders sensitiv gegenüber Änderungen winterlicher Temperatur- und Zirkulationsbedingungen. 

Eine von Hahl (2026) zusammengestellte Zeitreihe basiert auf dem Langzeitdatensatz von Takács, Kern & Pásztor (2017/2018) sowie auf ergänzenden Beobachtungen ab 2018. Sie unterscheidet zwischen vollständiger, geschlossener Eisdecke und partieller Vereisung (Uferzonen, Buchten, Eisfelder).


Vereisung am Balaton in Westungarn - 1885 bis 2026

Jahr – Vereisung (Anzahl der Tage mit vollständiger Vereisung)
----------------------------------------------
1885 – vollständig (12 Tage)
1886 – partiell
1887 – partiell
1888 – vollständig (21 Tage)
1889 – vollständig (3 Tage)
1890 – vollständig (28 Tage)
1891 – partiell
1892 – partiell
1893 – partiell
1894 – vollständig (~100 Tg.?)
1895 – vollständig (15 Tage)
1896 – partiell
1897 – partiell
1898 – partiell
1899 – vollständig (10 Tage)

1900 – partiell
1901 – partiell
1902 – vollständig (8 Tage)
1903 – partiell
1904 – partiell
1905 – partiell
1906 – partiell
1907 – partiell
1908 – partiell
1909 – partiell
1910 – partiell
1911 – vollständig (6 Tage)
1912 – partiell
1913 – partiell
1914 – vollständig (20 Tage)
1915 – partiell
1916 – partiell
1917 – partiell
1918 – partiell
1919 – partiell

1920 – partiell
1921 – partiell
1922 – vollständig (15 Tage)
1923 – partiell
1924 – partiell
1925 – vollständig (23 Tage)
1926 – partiell
1927 – partiell
1928 – vollständig (35 Tage)
1929 – vollständig (28 Tage)
1930 – partiell
1931 – partiell
1932 – partiell
1933 – vollständig (5 Tage)
1934 – vollständig (12 Tage)
1935 – partiell
1936 – vollständig (10 Tage)
1937 – partiell
1938 – partiell
1939 – vollständig (8 Tage)

1940 – vollständig (60 Tage)
1941 – partiell
1942 – partiell
1943 – partiell
1944 – partiell
1945 – partiell
1946 – vollständig (83 Tage)
1947 – vollständig (83 Tage)
1948 – vollständig (25 Tage)
1949 – partiell
1950 – partiell
1951 – partiell
1952 – partiell
1953 – partiell
1954 – partiell
1955 – vollständig (15 Tage)
1956 – vollständig (25 Tage)
1957 – partiell
1958 – partiell
1959 – vollständig (8 Tage)

1960 – partiell
1961 – partiell
1962 – partiell
1963 – vollständig (12 Tage)
1964 – partiell
1965 – partiell
1966 – partiell
1967 – partiell
1968 – partiell
1969 – vollständig (4 Tage)
1970 – partiell
1971 – partiell
1972 – partiell
1973 – vollständig (15 Tage)
1974 – partiell
1975 – vollständig (10 Tage)
1976 – partiell
1977 – partiell
1978 – partiell
1979 – partiell

1980 – partiell
1981 – partiell
1982 – partiell
1983 – vollständig (3 Tage)
1984 – partiell
1985 – partiell
1986 – partiell
1987 – partiell
1988 – partiell
1989 – partiell
1990 – partiell
1991 – partiell
1992 – partiell
1993 – partiell
1994 – partiell
1995 – partiell
1996 – partiell
1997 – partiell
1998 – partiell
1999 – partiell

2000 – partiell
2001 – partiell
2002 – partiell
2003 – partiell
2004 – partiell
2005 – partiell
2006 – partiell
2007 – partiell
2008 – partiell
2009 – partiell

2010 – partiell
2011 – partiell
2012 – partiell
2013 – partiell
2014 – partiell
2015 – partiell
2016 – partiell
2017 – vollständig (24 Tage)

2018 – partiell
2019 – partiell
2020 – partiell
2021 – partiell
2022 – partiell
2023 – partiell
2024 – partiell
2025 – partiell

2026 – vollständig (Dauer zum Zeitpunkt der vorliegenden Bearbeitung noch nicht ermittelt)

Bearbeitung der Liste 1885-2026: Michael Hahl, unter Verwendung eines Datensatzes zur langfristigen Eis-Phänologie für den Balaton (1885–2017), verfügbar über PANGAEA (Takács, Kern & Pásztor 2017/2018), https://doi.pangaea.de/10.1594/PANGAEA.881053?utm_source=chatgpt.com sowie von Medienberichten und eigenen Beobachtungen zur Vereisung des Balaton ab 2018

Anmerkung zum Begriff "partiell": Hier geht es um eine räumlich begrenzte Eisbildung (Uferzonen, Buchten, Flachwasser, Eisfelder, kurzzeitig tragfähige Abschnitte) ohne durchgehend geschlossene Eisdecke über den gesamten See. Zu beachten ist: In manchen Jahren gab es nur partielle Eisbildung an Uferzonen, in anderen Jahren wiederum schon größere, aber immer noch partielle Eisfelder, in einigen Jahren aber eine geschlossene, tragfähige Eisdecke, hier als vollständig bezeichnet. Über Mächtigkeit oder Stabilität der Eisdecke gibt es in dieser Auflistung keine konkretisierenden Angaben.

Der Faktor "geschlossene Eisbedeckung" wird in dieser Bearbeitung als Kriterium für klimatische Entwicklung und Schwankung vorgeschlagen. Zu relativieren ist hierbei, dass nicht nur höhere Temperaturen, sondern auch Windaufkommen und Wellenbildung über eine vollständige Vereisung entscheiden. Eine stabile meteorologische Hochdrucklage ist daher eine weitere Voraussetzung.
 

3. Interpretation und Vorstellen von Erklärungsmodellen 

Die von Hahl (2026) sowie zuvorderst von Takács, Kern & Pásztor (2017/2018) zusammengestellten Daten zeigen nach Auffassung des Verfassers: 

 
3.1 Keine lineare Entwicklung seit 1885
 
Seit 1885 - auch nach dem allmählichen Ende der Kleinen Eiszeit - ist aufgrund des stark kontinental geprägten Klimas zumindest von partieller Eisbildung in allen Winterjahren auszugehen. Wiederholte vollständige Vereisungen sind vielfach dokumentiert, teils mit sehr langer Dauer (z. B. 1894, 1946/47). 

Eine Häufung von zusammenhängenden Vereisungen ab 1885 ist als Ausläufer der Kleinen Eiszeit gut nachvollziehbar. Allerdings ist eine lineare Entwicklung nicht zu erkennen, sondern es zeigt sich eine ausgeprägte interannuelle und dekadische Variabilität. 
 
 
3.2 Wind und Wellenbildung als Faktoren des Vereisungsgrads 

Neben der Temperatur sind - wie bereits erwähnt - immer auch  Windverhältnisse, Wellenbildung und stabile Hochdrucklagen entscheidende Steuergrößen für die Ausbildung einer geschlossenen Eisdecke. Als Beispiel kann der Februar 2022 mit Nachttemperaturen um -10°C betrachtet werden, was offenbar aufgrund der Windverhältnisse nicht zu einer größeren Eisdecke führte. Selbstverständlich sind matereologische in eine genauere Vergleichsarbeit zur Vereisungsphänologie einzubeziehen.

 
3.3 Wechselwirkungen zwischen Gewässerökologie, Eutrophierung, Vereisung sowie Regionalklima
 
Des Weiteren kann auch Eutrophierung eines Sees zur verzögerten und verkürzten sowie eher brüchigen Eisdeckenbildung beitragen, worauf in spezifischen Bearbeitungen zur Klimageographie und Gewässerökologie - nicht nur am Balaton - noch explizit einzugehen ist. So hatte am Balaton die Eutrophierung in den 1980ern und bis in die 1990er Jahre wohl einen Höhepunkt erreicht, ehe es durch die Anlage bzw. Renaturierung des "Vorfluters" Kis-Balaton (vor allem in der Phase II: Einrichtung des Fenéki-Sees und weiterer Teile), mit vollständiger Umsetzung erst in den 1990ern und 2000er Jahren, ergänzt durch das Ausbaggern von Faulschlamm-Senken, möglicherweise zu ersten Anzeichen einer moderaten Rückkehr zu einem naturgemäßen Binnengewässer- und Vereisungshaushalt kam. 

Signifikant erscheinen insbesondere zwei vollständige Vereisungen mit mehrwöchiger Eisbedeckung in jüngster Zeit (2017, 2026). Diese Jahre könnten bereits eine gewünschte gewässerökologische Optimierung repräsentieren, ohne hierzu verfrüht Entwarnun geben zu wollen, zumal weitere Maßnahmen zur Renaturierung und Auenreaktivierung am Fluss Zala, in den Senken des Zaler Hügellands, am Kis-Balaton sowie am Balaton weiterhin dringend anzuraten sind (hierzu auch Hahl 2025). 
 
In diesem Zusammenhang ist des Weiteren die Fragestellung einzubeziehen, inwieweit ein über Jahrzehnte hinweg stark eutrophierter und folglich in den Wintermonaten trotz teils erheblicher Kälte ohne vollständige Eisbedeckung verbleibender Balaton seinerseits selbst klimawirksam wirkte, und zwar im regionalen Maßstand: Eine geschlossene Eisdecke eines 79 Kilometer langen Sees wirkt sich für die Umgebung kühlend und regionalklimatisch stabilisierend aus. Zudem kann eine während der Wintermonate weitgehend eisfreie Seefläche den Prozes der Eutrophierung noch weiter verstärken, also eine weitere Rückkopplung" für das gewässerökologisch-klimageographische Gesamtsystem. 
 

3.4 Natürliche Klimavariabilität und ozeanisch-atmosphärische Wechselwirkungen
 
Wir reduzieren unsere Perspektive im Rahmen des vorliegenden Artikels wiederum nicht auf die wichtige geoökologische Ebene der Mensch-Umwelt-Interaktion, sondern erweitern diese Sicht und betrachten das Prinzip abrupter Klimavariabilität explizit im holozänen Kontext. 
Entgegen einer wie üblich stark vereinfachten oder verfälschten medialen Darstellung, die aktuelle vollständige Vereisung des Balatons im Januar 2026 sei in Zeiten eines anthropogenen Klimawandels ein selten gewordenes Naturschauspiel, wird eine alternative und komplexer argumentierende Perspektive diskutiert: 

Handelt es sich um eine klimageographisch belastbare Erklärung, die signifikant starken Eisbildungen am "Indikator" Balaton besonders in den Jahren 2017 und 2026 nicht als "meteorologische Ausreißer" im Kontext einer paradigmatisch angenommenen Erwärmungsphase zu werten, darüber hinaus auch nicht rein um gewässerökologische Wechselwirkungen, sondern als frühe Hinweise auf abrupte Klimavariabilität einzuordnen, möglicherweise um eine einsetzende Abkühlungsphase auch im überregionalen geographischen Maßstab, insbesondere auf den mittel- und nordosteuropäischen Raum bezogen? 
 
Im Rahmen der weiteren Bearbeitung wird somit explizit die Fragestellung der natürlichen Klimavariabilität fokussiert. Um diesen Sachverhalt zu erörtern, bietet sich ein Blick auf abrupte holozäne Klimaschwankungen an, zu denen im besonderen Maße die so genannte Kleine Eiszeit gehört. Hierzu kann auf den aktuell diskutierten Forschungsstand zurückgegriffen werden. 


4. Kleine Eiszeit, ozeanisch-atmosphärische Wechselwirkungen und abrupte Klimavariabilität

Verschiedene Forschungsarbeiten gehen mittlerweile davon aus, dass das Einsetzen der mehrere Jahrhunderte andauernden klimatischen Abkühlung ab etwa 1300, in der holozänen Klimageschichte als Kleine Eiszeit bekannt, allein durch die Wechselwirkungen und Rückkopplungseffekte atmosphärisch-ozeanischer Zirkulation erklärt werden kann oder muss.   
 
 
4.1 Atmosphärisch-ozeanischer Zirkulation als Hauptauslöser der Kleinen Eiszeit
 
Lapointe und Bradley (2021, 2025) rekonstruieren den Beginn der Kleinen Eiszeit ca. 1300 bis 1850/1900), einen abrupten Klimawechsel mit starker Abkühlung im Nordatlantikraum. 
 
Als auslösende Prozesse sind nach Auffassung der Forscher:

- ein anomal starker Zustrom warmen Atlantikwassers in die nordischen Meere

- hierdurch verstärkte Ablation und Ablösung sowie Export arktischen Meereises

-  als Folge erhöhter Süßwassereintrag in den Nordatlantik

- daraus resultierend wiederum eine Abschwächung der atlantischen Umwälzzirkulation
 
=> abrupt einsetzende klimatische Abkühlung ("Kleine Eiszeit" = holozäne Kälteepoche ca. 1300-1850)
 
Externe Faktoren wie Vulkanismus oder Sonnenfleckenaktivität können diesen Prozess modulieren (vgl. Berner et. al., 2011, Miller et al. 2012), sind jedoch nicht zwingend erforderlich, um ihn auszulösen. In eine ähnliche Richtung wie Lapointe u. Bradley argumentieren weitere Autoren, unter anderem Alonso-Garcia et al., 2027, Miles et al. 2020 und einige mehr (siehe Literaturliste). 


4.2 Klimageographisches Prozessresponssystem 
 
Somit erscheint die Kleine Eiszeit als Ausdruck einer systemimmanenten Klimavariabilität. Ein klimageographisches Prozessresponssystem beinhaltet in diesem spezifischen Fall besonders die Wirkfaktoren atmosphärische Konstellationen, Meeresströmungen, arktische Eisschmelze und wiederum Rebound-Effekte auf die ozeanische Zirkulation und - als "negative" System-Rückkopplung - klimatische Abkühlung. Es treten teils konträr verlaufende Wechselwirkungen mit verstärkenden oder abschwächenden Rückkopplungsprozessen auf. 
 

5. Diskussion: Szenarien klimatischer Variabilität 

Die Verbindung der Betrachtungsebenen - paläoklimatische Rekonstruktion am Beispiel ozeanisch-atmosphärischer Erklärungsmodelle sowie regionale Eisphänologie am Balaton in Mitteleuropa - erlaubt keine Prognose, wohl aber eine Abwägung und Bewertung möglicher Szenarien und eine Einordnung in die klimageographische Klimawandel-Forschung.

Die gegenwärtige Warmzeit, die als Holozän bezeichnet wird, war niemals ein stabiler klimatischer Endzustand eiszeitlicher Abkühlung, sondern Teil einer - im Prinzip als spätpleistozän einzuordnenden -  Klimadynamik mit wiederholten Kälteepisoden und Wärmephasen. 

Eine erneut einsetzende Häufung regionaler Eiswinter - wie jene am Fallbeispiel Balaton - kann darauf hindeuten, dass abrupte und gegebenenfalls dauerhafte Kälteperioden im holozänen klimageographischen Kontext weiterhin möglich sind. Die Häufung kalter Winterjahre ist natürlich nicht notwendigerweise mit einer ozeanisch-atmosphärisch ausgelösten Situation wie zu Beginn der Kleinen Eiszeit gleichzusetzen, verdeutlicht jedoch die prinzipielle Fähigkeit des Klimasystems zu abrupten Umschlägen. 

Die Vereisungsphänologie am westungarischen Balaton kann als sensibler regionaler Indikator für Klimavariabilität im zumindest mittel- und osteuropäischen Maßstab beachtet werden. Anhand der Vereisungsphänologie am Balaton 1885 bis 2026 ist festzuhalten, dass es keine lineare klimatische Entwicklung seit Ausklingen der Kleinen Eiszeit gab oder etwa heute geben würde. Vielmehr zeigen die Vereisungsdaten eine signifikante Variabilität innerhalb eines hier untersuchten Zeitrahmens, der 1885, also gegen Ende der Kleinen Eiszeit bzw. zu Beginn einer neuzeitlichen Wärmeepoche, einsetzt. 

Die Arbeiten von Lapointe u. Bradley (2020, 2021, 2025) und weiterer Autoren sowie die Eisphänologie am Balaton ab 1885, wie sie von Takács, Kern u. Pásztor, L. (2017/2018) sowie Hahl 2026 zusanmmengestellt wurde, führen zu einem gemeinsamen Befund: Abrupte Abkühlungen bzw. Variabilitäten gehören grundsätzlich zum Dynamikspektrum des Klimasystems. Auch innerhalb der gegenwärtigen Warmzeit können solche Entwicklungen nicht ausgeschlossen werden, zumal sie der pleistozän-holozänen Klimageschichte immanent sind. 

Die Kleine Eiszeit erscheint damit nicht als Ausnahme im Kontext einer holozänen Warmzeit, sondern als Ausdruck grundlegender Klimavariabilität mit dem Potenzial einer systeminternen Selbstregulation samt verstärkenden oder abschwächenden Rückkopplungseffekten. Regionale Beobachtungen wie die Balaton-Vereisungen liefern Hinweise dafür, wie sich eine solche Variabilität in einer frühen Phase manifestieren könnte.
 
Anthropogene Faktoren wie Eutrophierung und eine daraus resultierende Begrenzung vollständiger und stabiler Balaton-Vereisungen über mehrere Jahrzehnte sowie regionalklimatische Effekte durch fehlende Eisdecken ergänzen das Bild natürlicher Klimavariabilität und müssen selbstverständlich in weitere Betrachtungen un Untersuchungen dieses klimageographischen Prozessrespeonssystems einbezogen werden. 
 
Das allzu insbesonders medial simplifizierte Konzept eines "menschgemachten Klimawandels" ist sowohl bezüglich natürlicher Klimavariabiltät als auch bezüglich anthropogener Einwirkungen auf geoökologischer Ebene zu überprüfen und zu überarbeiten, wie dies mittlerweile aus zahlreichen Forschungen abzuleiten ist. 


 
Literatur
 
 

Climate geography and ice phenology (Lake Balaton):

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Hahl, M. (2025). Umweltgeschichte und Gewässerökologie im Umfeld des Balatons. Entwässerung, Flussregulierung, Gewässerschutz und Renaturierung in den Senken des Zala-Hügellands, im Flusstal der Zala und am Plattensee in West-Ungarn (Environmental history and lake ecology in the Lake Balaton region: drainage, river regulation, water protection and renaturation in the depressions of the Zala Hills, the Zala River valley and Lake Balaton in western Hungary). ZALA LANDSCHAFTEN – Geoblog; ResearchGate.

Hahl, M. (2026). Vereisung des Balaton in Westungarn 1885–2026 (Ice formation on Lake Balaton in western Hungary, 1885–2026). ZALA LANDSCHAFTEN – Geoblog, Science channel (Telegram), 17 January 2026.

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Links:

https://ungarnheute.hu/news/plattensee-friert-nach-neun-jahren-das-erste-mal-fast-vollstaendig-zu-82736/ [ab etwa 8. Jan. 2026 vollständige Vereisung]


Lake ecology and limnology (Lake Balaton):

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Meteorological data sources:

Meteostat; NOAA Global Historical Climatology Network (GHCN).

Hungarian Meteorological Service (OMSZ).

 

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Michael Hahl, deutscher Geograph, geboren 1965 in Ludwigshafen am Rhein, Abschluss an der Geographischen Fakultät der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg (Magister Artium der Geographie; mit Geologie u. Ethnologie), wirkt als Inhaber des "Geographischen Fachbüros proreg" mit Projekten im regionalen Geotourismus sowie als Sachverständiger u. fachlicher Bearbeiter für Themenfelder der Geoökologie u. Biogeographie sowie des Lebensraum-/Artenschutzes, zudem für Fragestellungen der Subsistenz u. Mensch-Umwelt-Interaktion; freier Autor u. Begründer des ökophilosophischen Konzepts "Bewusstseinsgeographie"; hinzu kommen verschiedene Forschungsfelder aus der Geomorphologie, Landschaftsgenese u. Klimageschichte, Geo- und Umweltpolitik u.a.; Verfasser von über 100 geowissenschaftlichen, geotouristischen, umweltgeschichtlichen u. geoökologischen Publikationen u. Gutachten, über 100 Tafel-Texte für Geopfade in Natur- u. Geoparks sowie Besucherzentren; Exkursionen in verschiedene Regionen Eurasiens, u.a. in die Hochgebirge des Himalayas, der Skanden und der Alpen; derzeitige geographische Schwerpunkte: West-Ungarn, Süd-Deutschland u.a.; weiterführende Info, auch mit Überblick zu Publikationen: www.proreg.de


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